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Lebensmittelkennzeichnung: Warum Fehler entstehen und wie man sie vermeidet

Wo Kennzeichnungsprobleme entstehen, warum sie teuer werden – und was man konkret dagegen tun kann.

In meiner Arbeit mit Lebensmittelkennzeichnung begegne ich immer wieder denselben Mustern: Zeit fehlt. Wissen ist verteilt. Und Anforderungen werden oft erst dann konkret, wenn Entscheidungen bereits gefallen sind.

Dieser Artikel beleuchtet, wo Kennzeichnungsprobleme entstehen, warum sie teuer werden – und was man konkret dagegen tun kann.

Das Problem ist nicht einheitlich – die Unternehmensgrösse macht den Unterschied

Kennzeichnungsfehler haben selten eine einzelne Ursache. Und die Ursache hängt stark von der Unternehmensgrösse ab.

Bei KMU mit Fachpersonen

Das Wissen ist vorhanden. Die zuständige Person kennt die relevanten Verordnungen, hat vielleicht jahrelange Erfahrung.

Aber:

  • Sie hat 10 andere Prioritäten gleichzeitig
  • Komplexität trifft auf Kapazitätsengpass
  • Zwischen zwei Produktfreigaben liegt eine Lieferantenreklamation und ein Audit

Die Herausforderung ist nicht fehlendes Wissen, sondern fehlende Zeit für systematische Prüfungen.

Bei kleinen Produzenten ohne Fachpersonen

Hier ist die Situation umgekehrt: Die Zeit wäre theoretisch da, aber das spezialisierte Wissen fehlt.

Was dann passiert:

  • Man orientiert sich an ähnlichen Produkten im Regal
  • Man verlässt sich auf den Grafiker oder die Druckerei
  • Fehler werden unabsichtlich repliziert

Das Problem: Lebensmittelrecht ist über verschiedene Verordnungen verteilt, verschachtelt und ändert sich laufend. Selbst wer sich einarbeitet, hat nicht alle relevanten Stellen im richtigen Moment parat.

Die eigentliche Herausforderung

In beiden Fällen fehlen nicht Sorgfalt oder Motivation.

Es fehlen Systeme, die komplexes Wissen im richtigen Moment zugänglich machen – unabhängig von Unternehmensgrösse oder verfügbaren Ressourcen.

Wo Probleme wirklich entstehen: Timing ist alles

Viele Kennzeichnungsprobleme entstehen nicht beim Etikettieren – sondern bereits in der Produktentwicklung.

Ein typisches Beispiel

Ein neues Produkt wird entwickelt:

  • Die Rezeptur steht
  • Marketing hat Claims formuliert („natürlich", „reich an Protein", „traditionell hergestellt")
  • Das Design ist in Arbeit
  • Die Produktion ist geplant

Dann, kurz vor dem Druck:

  • Ein Zusatzstoff ist in dieser Produktkategorie nicht erlaubt
  • Die geplante Sachbezeichnung passt nicht zur tatsächlichen Zusammensetzung
  • Der Claim ist mit der Rezeptur rechtlich nicht haltbar
  • Die Herkunftsangabe ist so nicht zulässig

Zurück auf Anfang.

Rezeptur überarbeiten. Claims anpassen. Design neu. Zeitplan verschoben. Zeit, Kosten, Frustration.

Warum das passiert

Das Problem liegt nicht in mangelnder Sorgfalt, sondern im Timing:

Kennzeichnungsanforderungen werden oft erst dann konkret, wenn Entscheidungen bereits gefallen sind.

In der Entwicklungsphase denkt man an Geschmack, Haltbarkeit, Kosten. Die rechtliche Bewertung kommt später – wenn es eigentlich schon zu spät ist.

Die 5 häufigsten Fehler – und wann sie entstehen

1. Sachbezeichnung passt nicht zur Zusammensetzung

Was passiert: Das Produkt heisst „Fruchtjoghurt", enthält aber keine Früchte, sondern nur Aromen.

Wann es passiert: Bei der Namensfindung – oft lange bevor jemand die rechtliche Definition prüft.

Was es kostet: Neues Design, neue Verpackung, eventuell Anpassung der gesamten Marketingstrategie.

2. Claims sind nicht haltbar

Was passiert: „Ohne Zuckerzusatz" – aber das Produkt enthält süssende Zutaten. „Reich an Protein" – aber es erfüllt die Mindestanforderung nicht.

Wann es passiert: Marketing formuliert Claims basierend auf der Produktidee, nicht auf der finalen Rezeptur und rechtlichen Anforderungen.

Was es kostet: Neuformulierung aller Werbematerialien, eventuell Rezepturanpassung.

3. Allergenkennzeichnung unvollständig oder falsch

Was passiert: Spuren von Allergenen werden nicht deklariert. Allergene werden nicht korrekt hervorgehoben. Die Formulierung ist mehrdeutig.

Wann es passiert: Bei Lieferantenwechsel, Rezepturanpassung oder wenn Produktionsbedingungen sich ändern – ohne dass die Kennzeichnung nachgezogen wird.

Was es kostet: Im schlimmsten Fall: Rückruf. Mindestens: Nachproduktion der Etiketten.

4. Zusatzstoffe falsch deklariert oder nicht erlaubt

Was passiert: Ein Zusatzstoff wird mit Handelsnamen statt E-Nummer angegeben. Ein Zusatzstoff ist in dieser Produktkategorie gar nicht zugelassen.

Wann es passiert: Bei der Übernahme von Zutatenlisten vom Lieferanten – ohne Abgleich mit den produktspezifischen Verordnungen.

Was es kostet: Rezepturanpassung und Neuproduktion – oder vollständiger Produktstopp.

5. Herkunftsangaben nicht korrekt oder irreführend

Was passiert: „Schweizer Qualität" – aber primäre Zutaten kommen aus dem Ausland. Herkunft wird suggeriert, aber nicht korrekt deklariert.

Wann es passiert: Bei der Gestaltung des Designs – oft mit bester Absicht, aber ohne Kenntnis der rechtlichen Anforderungen für Herkunftsangaben.

Was es kostet: Komplette Neugestaltung, eventuell Reputationsschaden.

Wo es besonders teuer wird

Nicht jeder Fehler kostet gleich viel. Die Faustregel: Je später er entdeckt wird, desto teurer wird er.

Ein Etikett, das kurz vor dem Druck angepasst werden muss, kostet einige tausend Franken. Eine Rezeptur, die überarbeitet werden muss, weil ein Claim nicht haltbar ist oder ein Zusatzstoff nicht erlaubt ist, kostet ein Vielfaches davon – plus mehrere Wochen Verzögerung.

Die meisten dieser Fehler wären vermeidbar gewesen. Mit einer systematischen Prüfung zum richtigen Zeitpunkt.

Praktische Ansätze für den Alltag

Was kann man konkret tun, um diese Probleme zu vermeiden?

1. Kennzeichnung nicht am Schluss mitdenken, sondern von Anfang an

Schon in der Produktentwicklung:

  • Welche Sachbezeichnung ergibt sich aus der Rezeptur?
  • Welche Claims sind überhaupt möglich?
  • Welche Zusatzstoffe sind in dieser Kategorie erlaubt?
  • Welche Herkunftsangaben sind zulässig?

Diese Fragen gehören in die Entwicklungsphase – nicht in die Design-Review.

2. Checklisten und Prozesse etablieren

Auch mit wenig Zeit lässt sich Struktur schaffen:

  • Standardisierte Checkliste für neue Produkte
  • Klare Verantwortlichkeiten (wer prüft was, wann)
  • Dokumentation von Entscheidungen

Eine einfache Checkliste verhindert, dass wiederkehrende Punkte übersehen werden.

3. Wissen extern einkaufen, wo es sich lohnt

Nicht jedes Unternehmen braucht eine Vollzeit-Fachperson für Lebensmittelrecht.

Aber: Punktuell externe Unterstützung einzukaufen – bei neuen Produkten, komplexen Fragestellungen oder grösseren Änderungen – ist oft günstiger als nachträgliche Korrekturen.

4. Systematisch prüfen statt punktuell reagieren

Viele Prüfungen erfolgen ad hoc: Ein Etikett wird angeschaut, ein paar Punkte werden gecheckt, fertig.

Das Problem: Man sieht, was man kennt. Aber man übersieht, was man nicht kennt.

Eine systematische Prüfung bedeutet:

  • Alle relevanten Anforderungen werden berücksichtigt
  • Auch Zusammenhänge zwischen verschiedenen Angaben werden geprüft
  • Befunde sind nachvollziehbar dokumentiert

Systematischer Ansatz statt Punktprüfung

Genau hier setzt Labelmind an. Das System wurde entwickelt, um Lebensmittel-Etiketten systematisch gegen die Anforderungen des Schweizer Lebensmittelrechts zu prüfen.

Labelcheck: Fertiges Etikett wird analysiert – mit nachvollziehbaren Befunden, Zuordnung zur Rechtsgrundlage und klaren Handlungsempfehlungen.

Rezeptur-Bewertung: Bereits in der Entwicklungsphase wird gezeigt, welche Kennzeichnungspflichten entstehen, welche Claims möglich sind und wo Folgepflichten lauern.

Ziel ist nicht, Entscheidungen zu ersetzen, sondern:

  • Komplexität zu reduzieren
  • Zeit zu sparen
  • Risiken frühzeitig zu erkennen

So können Probleme erkannt werden, bevor sie teuer werden.

Mehr Informationen auf labelmind.ch.

Fazit

Kennzeichnungsfehler sind kein Zeichen mangelnder Sorgfalt.

Sie sind das Ergebnis einer strukturellen Herausforderung: Komplexe rechtliche Anforderungen treffen auf begrenzte Ressourcen und oft fehlendes Spezialwissen.

Die Lösung liegt nicht darin, noch mehr Zeit in Einzelprüfungen zu investieren.

Sondern darin, systematische Strukturen zu schaffen, die sicherstellen, dass nichts übersehen wird – unabhängig davon, ob man Fachperson ist oder nicht.

Wer frühzeitig prüft, spart nicht nur Geld.

Sondern auch Nerven.